Peter Wanner, sind Sie geschäftlich sehr straff organisiert?

Ich war grundsätzlich nie ein grosser Fan minuziöser und allzu strenger Organisation. Es braucht immer auch einen Freiraum für Ideen. Seit ich nicht mehr für die operative Leitung des Unternehmens verantwortlich bin, ist der Terminkalender nicht mehr so dicht besetzt wie früher. Als Verwaltungsratspräsident von CH Media kümmere ich mich mehr um strategische Belange. Darum darf ich sagen, dass ich mich nicht besonders straff organisiere, mir dafür genug Zeit lasse für Ideen und Überlegungen.
    

Stadt Dietikon

Sind Sie offen für spontane Aktivitäten?

Auf jeden Fall. Bestimmte Termine sind natürlich gesetzt, und auf sie fokussiere ich mich. Daneben gibt es aber genug Raum, die Zeit einzuteilen und sich auch einmal eine spontane Auszeit zu nehmen. Kreative Inputs brauchen Momente der Inspiration und Intuition – und die finde ich weniger im Arbeitsalltag als während der Freizeit oder sogar in den Ferien. Denkarbeit gelingt mir am besten im ruhigen und entspannten Umfeld. Die Fleissarbeit erledige ich dann im Büro.

Seit 2018 ist die Fusion der AZ Medien und der NZZ-Regionalmedien zur CH Media im Gang – eine organisatorische Herkulesaufgabe. Wie weit ist der Zusammenschluss vollzogen?

Die Vereinigung ist zu drei Vierteln vollzogen, die Corona-Krise hat uns da etwas zurückgeworfen. Unser Ziel ist es, bis Ende Jahr die wichtigsten Schritte zum Zusammenschluss gemacht zu haben. Momentan sind wir zum Beispiel daran, das einheitliche Redaktionssystem überall zu installieren. Auch gilt es, in verschiedenen Bereichen Synergien noch effizienter zu nutzen. Ich hoffe, dass wir die Fusion bis Frühling 2021 definitiv abschliessen können.


«Denkarbeit gelingt mir am besten im ruhigen und entspannten Umfeld. Die Fleissarbeit erledige ich dann im Büro.»

Peter Wanner, Verleger und Verwaltungsratspräsident von CH Media


Wie ist die CH Media organisiert? Wer trifft die wichtigsten Entscheidungen?

Das ganze Unternehmen ist natürlich feingliedrig strukturiert. Einfach gesagt obliegen die operativen Entscheide dem CEO. Der Verwaltungsrat – paritätisch zusammengesetzt aus Vertretern der AZ Medien und der NZZ – kümmert sich um die strategische Ausrichtung. Grundsätzlich arbeiten wir alle sehr konsensorientiert und fällen Entscheide im Gremium.

Die CH Media ist im Bereich Schweizer Privatradio und Privatfernsehen die Nummer 1. Das Online-Newsportal Watson gehört zu den AZ Medien, die in Ihrem Mehrheitsbesitz sind. Haben elektronische Medien gegenüber der gedruckten Zeitung den Vorrang?

Zeitungen geniessen bei CH Media nach wie vor eine hohe Priorität, sowohl in gedruckter Ausgabe als auch als Onlineangebot. Die Berichterstattung auf der Basis von fundiertem Journalismus ist eine unserer Kernkompetenzen. Daneben setzen wir aber auch stark auf die Information über weitere Kanäle wie Radio und Fernsehen und wollen uns in diesem Bereich noch stärker etablieren. Beide Bereiche, TV/Radio und Zeitung/online, sind für uns sehr wichtig.
      

Wo sehen Sie momentan die grössten Veränderungen in den einzelnen Medienbereichen?

Bei den Zeitungen setzt sich der Trend fort, Inhalte in gedruckter und in elektronischer Form gleichzeitig anzubieten. Wir glauben an die Zukunft unserer Printprodukte – neue Möglichkeiten ergeben sich allenfalls mit flexiblen Abonnements. Eine individuelle Zustellung der gedruckten Zeitung einmal, zweimal oder dreimal pro Woche könnte ich mir durchaus vorstellen in Kombination mit Onlineangeboten.
   

Bild: Severin Bigler
Bild: Severin Bigler

Im Internetbereich führen wir die sogenannte Paywall ein. Wer die Zeitung online lesen will, wird sich in Zukunft als Abonnent registrieren können und kommt so in den Genuss der Inhalte unserer Zeitung, sei es, indem er ein E-Paper lesen will oder die News auf dem Onlineportal konsumiert.

Bei Radio und TV achten wir künftig darauf, nationale oder internationale Beiträge in einer Mantelredaktion für alle Stationen zu produzieren. Die lokalen Redaktionen bleiben aber bestehen und berichten über Themenin der Region.

Sehr zufrieden sind wir mit dem Online-Newsportal Watson. Da sind wir gut unterwegs und befinden uns deutlich über Budget – und dies sogar während der Corona-Krise. Sowohl die Zugriffszahlen als auch die Werbeeinnahmen sind stark gestiegen.
   


«Der Start des französischsprachigen Portals von ‹Watson› ist auf den Frühling 2021 festgesetzt, die Vorarbeiten sind am Laufen.»

Peter Wanner, Verleger und Verwaltungsratspräsident von CH Media


Viele haben Watson beim Start vor sechs Jahren keine grossen Überlebenschancen gegeben.

Ja, aber ich habe immer an das Projekt geglaubt! Und wie wir jetzt sehen, hat sich das Engagement gelohnt. Der Erfolg bestärkt und motiviert uns, trotz Corona «Watson Romandie» zu lancieren. Der Start des französischsprachigen Portals ist auf den Frühling 2021 festgesetzt, die Vorarbeiten sind am Laufen.

Das Corona-Jahr 2020 stellt an alle Unternehmen bisher unbekannte Anforderungen. Wie geht die CH Media mit der Krise um, welches sind die einschneidendsten Massnahmen und Entscheidungen?

Auch uns hat das Virus fest im Griff. Insgesamt rechnen wir mit Einbussen zwischen 60 und 70 Millionen Franken in diesem Jahr. Diese versuchen wir mit Kurzarbeit, Einsparungen im täglichen Betrieb, Umfangreduktionen bei den Zeitungsausgaben, Personalstopp und Zurückhaltung bei Investitionen teilweise zu kompensieren. Hinzu kommen Beiträge aus dem Nothilfepaket des Bundes. Dank diesen Massnahmen werden wir voraussichtlich keinen Verlust hinnehmen müssen, aber wohl auch keinen Gewinn ausweisen. Ich rechne damit oder hoffe, in diesem Jahr eine schwarze Null schreiben zu können.

Hat das Interesse an journalistischen Beiträgen während der Corona-Krise und des Lockdowns messbar zugenommen?

Ja, ganz klar. Die Corona-Krise zeigt, welch wichtige Rolle die traditionellen Medien für die Menschen spielen. Der Informationsbedarf ist seit Frühling 2020 stark gestiegen, das Interesse an Zeitungen, Onlinediensten, Radio und TV ist sehr gross. Das bestärkt uns in unserem Engagement und in unserer Verantwortung als Medienunternehmen.

Wie fällt Ihr persönliches Fazit des laufenden Jahres aus? Welche wesentlichen Erkenntnisse haben Sie gewonnen?

Schon früh habe ich vor den Auswirkungen der Pandemie gewarnt. Meiner Meinung nach müssen wir lernen, mit dem Virus zu leben, insbesondere jetzt, nach dem Lockdown. Einen zweiten Stillstand können wir uns nicht leisten. Andererseits sollten wir vorsichtig sein und bleiben. Sorglosigkeit darf nicht um sich greifen. Insbesondere die ältere Generation und die Risikogruppen der Vorerkrankten müssen weiterhin geschützt bleiben. Bei Kulturinstitutionen, Sportanlässen, Events, Reisen, Meetings braucht es durchdachte Schutzkonzepte. Maskenpflicht, Distanz, Hygienemassnahmen, Disziplin sind weiterhin erforderlich. Nur so können wir die Krise meistern. Wenn die Angst zurückgeht und das Vertrauen zurückkommt, dann geht es den Menschen, der Gesellschaft und der Wirtschaft wieder besser.

Wagen Sie einen Blick voraus: Wie sieht die Medienlandschaft in fünf oder zehn Jahren aus?

Die Branche ist im Wandel, dennoch bin ich überzeugt, dass die Vielfalt an Medienangeboten erhalten bleibt. Wahrscheinlich gibt es weniger Print-, dafür mehr Onlineangebote. Attraktiven Kombi-Angeboten Print/online gehört die Zukunft. Für die Nutzer braucht es eine Angebotspalette, aus der sie entsprechend ihren Bedürfnissen auslesen können. Mittelfristig kommt auch eine Personalisierung der Angebote über Push-Nachrichten. Aktuelle Nachrichten und fundierte Hintergrundinformationen werden immer gefragt sein, dazu kommen Beiträge, Videos und Filme auf Abruf, zum Beispiel aus einer Mediathek. Interview: Thomas Pfann